Februar 2007, Hannoversche Allgemeine, Neue Presse, Presse

Wenn die Zeit abgelaufen ist

Wenn sich Menschen im Alter von 50 Jahren noch einmal beruflich neu orientieren, ist das an sich noch nichts Ungewöhnliches. Dass aber eine Sozialwissenschaftlerin und Dozentin der Leibniz Universität Hannover und der Evangelischen Fachhochschule zur Bestatterin umschult, ist doch nicht ganz alltäglich.
Vor gut einem Jahr hat Kerstin Wockenfuß gemeinsam mit Silke Ahrens, Religionswissenschaftlerin und Lehrerin in der Erwachsenenbildung in Verden, das Bestattungsunternehmen „Abschied“ gegründet. Bisher galt das Bestattungswesen als reine Männerdomäne. Aus der Tradition der Fuhrleute und Tischler stammend wurde man in den Beruf hinein geboren oder heiratete hinein. Doch mittlerweile eröffnen immer mehr Frauen Bestattungsinstitute.
Die Entwicklung kommt aus der Hospizbewegung. Die Frauen wollen dem auf Kompetenz, Schnelligkeit und Diskretion ausgerichteten konventionellen Bestattungsgewerbe seine traditionelle Trauerkultur zurückgeben, die Raum lässt für ein würdevolles Abschiednehmen und für Gefühle.

Ein intensiver Abschied

Zeit spielt für Kerstin Wockenfuß beim Abschied eine wichtige Rolle. Aber das sei ja nicht zeitgemäß, bedauert sie. Selten gibt es Sonderurlaub für die Hinterbliebenen, Trauerfeiern finden im Stundentakt statt, für eine Totenwache ist meist keine Zeit.
Viele Angehörige wissen nicht, das sie ihre Verstorbenen nach dem Tod im Krankenhaus, im Hospiz oder nach einem Unfall noch einmal für 36 Stunden nach Hause holen dürfen. Kerstin Wockenfuß hat die Erfahrung gemacht, dass viele auch davor zurückschrecken. Ebenso davor, den Verstorbenen noch einmal anzuschauen oder auch nur eine Kerze für ihn anzuzünden.
Wenn sie sich dann aber getraut haben und vielleicht sogar einen Tag und eine Nacht am Bett geblieben sind, fühlten sie sich getröstet. Denn die intensiven Abschiede schaffen innere Bilder, mit denen es möglich wird, wieder gestärkt ins Leben zu gehen. Das kann auch für Kinder, die Abschied nehmen müssen, sehr wichtig sein.
Solche Erfahrungen waren es, aus denen heraus sich die Sozialwissenschaftlerin zur Bestatterin berufen fühlte. Bei einem Tag der offenen Tür in einem Beerdigungsinstitut in Mainz, das die ehemaligen Sozialpädagoginnen Ilse Grünewald und Sigrun Baum betreiben, hat es Klick gemacht. „Ich war so beeindruckt von der hellen und freundlichen, ja fast schon familiären Atmosphäre und den offenen Gesprächen, dass ich spontan fragte, ob ich dort ein Praktikum machen könne.“
Neben der Möglichkeit, einen Einblick in das Handwerk eines Bestatters zu erhalten, zum Beispiel die Erledigung der Formalitäten, das Ausstatten des Sarges, das Waschen und Einbetten sowie die Organisation der Trauerfeier, wollte Kerstin Wockenfuß ausloten, ob sie überhaupt mit Toten umgehen kann. Zwar hatte sie sich schon von vielen Menschen verabschieden müssen, aber noch nie einen Leichnam gesehen.
Während ihres Praktikums stellte sie nicht nur fest, dass sie keine Scheu davor hat, sondern „es richtig gern macht“. Mit einem Verstorbenen behutsam und liebevoll umzugehen, sei nicht so viel anders als der Umgang mit einem Kranken, der gepflegt und umsorgt wird.
Durch ihren Beruf hat sich ihr Verhältnis zum Tod geändert. „Er rückt näher zum Leben“, sagt die 51-Jährige. Sie stelle sich nun die Frage, wie ihre eigene Beerdigung gestaltet sein soll, spricht mit ihren beiden Töchtern und ihren Eltern über deren Wünsche. Und bei diesen Gesprächen mit Verwandten und Freunden, aber auch mit den Teilnehmern der Seminare zur Patientenverfügung, Vorsorge- und Betreuungsvollmacht erlebt sie, dass die Menschen oft ganz erleichtert sind, das Thema Tod und Bestattung ansprechen zu können. Auch für die Hinterbliebenen kann es eine Entlastung sein, wenn frühzeitig Vorsorge für die eigene Beerdigung getroffen wird. „Denn ganz gleich, ob jemand jung stirbt oder im hohen Alter, die, die zurückbleiben, sind immer geschockt.“

Trauerfeier am See

Kerstin Wockenfuß versteht sich wie die anderen alternativen Bestatterinnen auch als Ideengeberin und Beraterin. Auf eine Abschiedszeremonie solle nicht verzichtet werden, sagt sie, selbst wenn der Verstorbene anonym beerdigt wird. Die Trauerfeier müsse ja nicht teuer sein. Hauptsache, sie stehe mit dem Verstorbenen in Einklang. Es kann eine christliche Beerdigung in der Kapelle sein, ebenso kann die Trauerfeier zu Hause stattfinden oder an einem Ort, an dem sich der Verstorbene gern aufhielt, sei es im Garten oder an einem Seeufer.

 

Ute Dommel
Hannoversche Allgemeine, Neue Presse / Feb. 2007