Ginkgo, März 2007, Presse

Neue Formen des Abschieds

– Individuelle Rituale für einzigartige Menschen – Die Bestattungs- und Trauerkultur in Deutschland erlebt zur Zeit einen grundlegenden Wandel. Längst haben die christlichen Kirchen nicht mehr das Monopol für Beisetzungsfeiern. So entwickeln sich – sowohl im christlichen Rahmen als auch außerhalb dessen – neue Bestattungsformen, deren Kennzeichen die individuelle Gestaltung ist. Ein intensiv erlebter und aktiv gestalteter Abschied bietet den Trauernden die Chance, sich der Realität des Todes zu nähern und in diesem Prozess wieder neue Lebenskraft zu entwickeln.

Ginkgo-Magazin im Gespräch mit der Bestatterin Kerstin Wockenfuß – und Martin Rumprecht, Musiker

Ginkgo-Magazin: Welche Möglichkeiten gibt, es eine Beerdigung, ein Abschiedsritual individuell zu gestalten, als ein Fest, das den verstorbenen Menschen ehrt, ihm entspricht und den Trauernden gut tut?
Kerstin Wockenfuß: Das Wichtigste ist, ein intensives Gespräch mit den Angehörigen, oder wenn es noch zu Lebzeiten des Menschen ist auch manchmal – wenn gewünscht – mit dem Sterbenden, zu führen. Hierbei möchten wir herausfinden: was entspricht dem Verstorbenen und was ist wichtig für die Hinterbliebenen, um für sie ein gutes Abschiedsritual zu haben. Wie dann die Trauerfeier gestaltet wird, ist völlig unterschiedlich. Je nachdem ob es eine Erd- oder Feuerbestattung ist, ob die Einäscherung auch ritualisiert vollzogen werden soll, ob die Trauerfeier in einer Kapelle, auf dem Friedhof, im Friedwald oder an Orten des Lebensalltags der Verstorbenen stattfindet. Ein besonders schönes Trauerritual für mich persönlich war: ein stiller, gemeinsamer Spaziergang der Trauergesellschaft zu einem See, dem Lieblingsplatz des gestorben, alten Herrn. Hier wurden kleine Papierboote mit brennen Kerzen auf das Wasser gesetzt und die Lichter trieben in der Dämmerung auf den dunklen See hinaus. – Ein wunderschönes Ritual. So unterschiedlich die Abschiedsfeiern auch sein mögen – sie alle haben einen festgelegten ritualisierten Ablauf, den es vorher genau zu besprechen gilt. Einen Rahmen, der festschreibt: Wer sagt was, wann wird Musik gespielt, usw. – Schön ist es Musiker dabei zu haben. Musik kann dann viel mehr als Beiwerk sein. Ja, manchmal sogar die ganze Veranstaltung tragen!
Ginkgo-Magazin: Herr Rumprecht, Sie sind häufig mit der musikalischen Gestaltung von Trauerfeiern betraut. Welche Rolle kommt der Musik bei solch einem Ritual zu?
Martin Ruprecht: Für mich öffnet die Musik andere Ebenen. Die kognitive kann noch da sein, kann aber auch verschwinden. Auf jeden Fall öffnen sich ein emotionaler Raum und vielleicht auch eine spirituelle Tür. Da ist ein anderes Erleben und Verstehen der Situation. Und das besonders Schöne bei Trauerfeiern ist ja, dass sich die Angehörigen die Musik selbst aussuchen. Sie sind also aktiv an der Gestaltung beteiligt. Über die Musik entsteht eine kraftvolle Verbindung zwischen allen Trauergästen. Gemeinsam stehen sie auf dem Boden, der die Feier emotional trägt und das ist phantastisch!
Ginkgo-Magazin: Das klingt alles nach sehr harmonischen, liebevollen Trauerfeiern. Wie sehen Sie den Wunsch, auf ein Ritual ganz zu verzichten? Wie wichtig ist es für die Hinterbliebenen, sich Zeit und Raum zu geben für einen Abschied?
Kerstin Wockenfuß: Nach meiner Erfahrung ist es für die Angehörigen – wie auch immer ihr Verhältnis zum Verstorbenen gewesen sein mag, in jedem Fall gut und sehr wichtig, eine Form des Abschiednehmens zu finden, damit es einen gewissen Rahmen gibt und der Kreis geschlossen werden kann.
Ginkgo-Magazin: Im letzten Jahr wurde in der Lüneburger Heide der Friedwald Bispingen eingerichtet. Was ist das Besondere bei dieser Art der Bestattung?
Kerstin Wockenfuß: Ein Friedwald ist ein naturbelassenes Stück Wald, in dem Menschen ihre Asche in einer biologisch abbaubaren Urne an den Wurzeln eines Baumes beisetzen lassen können. Auf den ersten Blick ist dieser Wald nicht als Toten-Gedenkstätte erkennbar. Erst wenn man genau hinschaut, entdeckt man kleine Namenstäfelchen und farbige Markierungen an den Bäumen. Diese Markierung ermöglicht es, den Baum jederzeit aufzufinden und zu identifizieren. Zugleich besteht die Möglichkeit, ihn mit einem Schild zu versehen, auf dem ein Name oder die Daten des dort beigesetzten Verstorbenen eingraviert werden. Es ist also keine anonyme Bestattung. Das Besondere dieser Bestattungsform ist, dass sie in der Natur ist, eine einzigartige, stimmungsvolle Ruhestätte außerhalb normaler Friedhöfe, und dies prägt natürlich auch die dort abgehaltenen Abschiedsfeiern.
Ginkgo-Magazin: Wir danken für dieses sehr interessante Gespräch!

 

Ginkgo-Magazin / März 2007